offener Treff und Hausaufgabenhilfe
Jun
Auf die Frage „Wie geht’s?“ scheint es bei uns in Norddeutschland nur eine richtige Antwort zu geben. „Alles super!“ ist falsch, weil zu optimistisch und zu traumtänzerisch. „Ganz schlecht“! ist auch falsch, weil man Betroffenheit provoziert und Nachfragen erwartet. Einzig richtig ist: „Muss ja!“. Wer „Muss ja!“ sagt, der schreibt sich eine Art heroischen Alltagsfatalismus zu, eine minimal-philosophische Einsicht in den unabänderlichen Lauf des Schicksals, und redet sich so die eigene Hingabe an Passivität, Machtlosigkeit und schlechte Laune schön, die so gut zur Weltlage passt.
„Muss ja?“ – nicht, wenn man einen Blick in die Bibel wirft. Was dort geschrieben steht, ist das beste Mittel gegen schlechtgelaunten Fatalismus: Wenn es auch etwas gedauert hat, kehrten die Israeliten aus ihrem Exil in Babylon zurück und errichteten den zerstörten Tempel wieder neu. Ein „Muss ja!“ des Exils war keine Option. Und das Neue Testament, die „Frohe Botschaft“, bestätigt durchgehend: Kein Mensch muss akzeptieren, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Gerade noch einfacher Fischer am See Genezareth, wird Petrus im nächsten Moment Jünger Jesu mit einer Leitungsposition in einer späteren Weltreligion. Aber auch der Mutlosigkeit und der Zukunftsangst erteilt die Bibel eine Absage: Über einhundertmal heißt es im Alten und Neuen Testament „Fürchtet euch/fürchte dich nicht!“ und wird zu einer der wichtigsten Botschaften Jesu. Also auch: keine Angst davor, dich selbst zu verändern. Da wir, wie es im Brief des Paulus an die Epheser heißt, durch Christus Licht geworden sind (5, 8), können wir ‚den alten Menschen‘ ablegen und den ‚neuen Menschen‘ anziehen. „Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei“ (Epheser 4,31) müssen nicht sein, Fatalismus und Passivität müssen nicht sein, denn wir können auch anders. Was wäre das für ein Sommermärchen, wenn wir uns vom „Muss ja!“ verabschieden könnten.
Marc Föcking, Pfarrei Seliger Johannes Prassek